Dezember 2008 - Rhein - Feuerlöschboot Christophorus

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Radarkurs auf dem Feuerlöschboot

Wir hatten dieses Jahr Gelegenheit, einen dreitägigen Radarkurs zu besuchen. Dieser fand auf dem Feuerlöschboot der Berufsfeuerwehr Basel statt. Die technischen Eckdaten dieses Schiffs:

Länge über alles: 29.15 m
Breite über alles: 6.40 m
Tiefgang: 1.45 m
Wasserverdrängung: 110 t
Geschwindigkeit: 20 - 28 Km/h
Antrieb: 2 x 12 Zylinder Diesel Deutz à 464 kW/630 PS, zwei Schrauben mit jeweils zwei Rudern

Ausführliche technische Daten finden sich auf der Website der Berufsfeuerwehr Basel unter Feuerwehrlöschboot.

Der erste Teil des Kurses fand im Theoriesaal der Basler Feuerwehr statt. Nach einer freundlichen Begrüssung - mit Kaffee und Gipfeli! - durch die Kursleiter Daniel Kofmel (Leiter Feuerlöschboote/Dienstleistungen) und Lukas Sibler (Schiffsführer Feuerlöschboot) wurden uns die technischen Grundlagen des Radars vermittelt. Wir lernten die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des Radars kennen. Auch in die Bedienung des Radargerätes und die Vorschriften wurden wir eingewiesen. Da der Funkverkehr bei der Fahrt unter Radar unverzichtbar ist, wurden uns auch die Funkabläufe nochmals in Erinnerung gerufen. Obwohl wir das Funkzeugnis erst vor einem Jahr erlangt haben, hatten wir einiges schon wieder vergessen.

Nach dem theoretischen Teil am Vormittag gingen wir zusammen Mittagessen. Das Essen fand jeden Tag in einem anderen Lokal statt, und die Kursleiter haben diese Lokale sehr gut ausgesucht; das Essen war immer fein und die Bedienung prompt und freundlich.

Am Nachmittag ging es dann direkt aufs Boot. Zuerst gab es eine Einweisung in die Geräte. Wir lernten die verschiedenen Funkgeräte für die Kommunikation mit der Revierzentrale, der Schiffahrt und an Bord kennen und durften auch eine Testsendung mit der Revierzentrale durchführen. Dann durften wir das Radargerät einstellen und entdeckten die Auswirkungen der Einstellmöglichkeiten und der digitalen Filter. Auch der Wendeanzeiger wurde uns erklärt. Auf unseren kleinen Booten gibt es das nicht, aber für grössere Schiffe ist der Wendezeiger unabdingbar, um die Kurvenradien rechtzeitig richtig einzustellen. Unsere üblichen Schlangenlinien würden sich auf einem Tanker oder Containerschiff verheerend auswirken!

Obwohl das Feuerlöschboot mit 30 Metern mehr als doppelt so lang wie unsere üblichen Boote ist, ist es super zu steuern. Es reagiert blitzschnell aufs Ruder, dreht auf dem Teller und reagiert sehr dynamisch auf die beiden Gashebel. Das muss es natürlich auch für Feuerwehreinsätze. Für uns waren die beiden Motoren fast zu stark; wir fuhren höchstens knapp schneller als eingekuppelt und für engere Manöver benutzten wir meist nur einen Motor.

Abends wurden wir dann noch seelisch auf den nächsten Tag vorbereitet: Radarfahrt mit geschlossenen Vorhängen, Funk und alles was dazugehört. In dieser Nacht hatte ich nicht viel Ruhe, es gab soviele Eindrücke und Informationen zu verarbeiten und ich studierte an allen möglichen Situationen herum.

Der zweite Tag begann direkt auf dem Schiff mit einer kurzen Einweisung. Jeweils einer von uns Kursteilnehmern war für Radar und Funk zuständig, einer bediente das Ruder und einer stand als Wahrschauer auf Deck. Wir legten tatsächlich mit geschlossenen Vorhängen ab, was schon für einen gewissen Stresspegel sorgte. Auf unserern Fahrten waren wir immer zwischen der Dreirosenbrücke und dem Stauwehr Märkt unterwegs. Ich habe noch nie soviel Schiffahrt in Basel gesehen wie an unseren drei Kurstagen (allerdings kommen die meisten dieser Grossschiffe auch nicht weiter als bis zur Dreirosenbrücke). Sogar eine Arbeitsplattform war mitten im Rhein verankert, wie für uns bestellt.

Wir fuhren also auf dem Rhein zu Tal, meldeten uns vor unübersichtlichen Stellen über Funk und nahmen Kursabsprachen mit den Frachtschiffen vor. Auch fleuten durften wir, wie die Schallsignale in der Grossschiffahrt genannt werden. Da wir dies alles nicht gewohnt sind, hatten wir anfangs vor allem mit dem Funk so unsere Probleme. Wir hatten Hemmungen, überhaupt zu funken, und stotterten dann irgendwelche Meldungen, die mit der Realität wohl nicht viel zu tun haben. Es gab auch nette Kommentare von den Frachtern, von wegen Studenten und so. Mit der Zeit ging es aber besser, und einige der Berufsschiffer haben uns sogar verstanden und korrekt und freundlich geantwortet. Das Funken ist reine Übungssache, und diese Übung hatte uns gefehlt.
  Die Arbeit am Ruder war schwieriger als erwartet. Ohne Sicht auf Befehl Ruder zu legen und mit Hilfe des Wendeanzeigers zu halten, ist gar nicht so einfach. In der Hektik verwechselten wir auch mal Backbord mit Steuerbord. Das führte dann zu noch hektischeren Kommandos und teils zu erstaunten Nachfragen von anderen Schiffen über Funk, wo wir denn nun hinwollen. Da das Radar eine gewisse Verzögerung anzeigt, sahen wir unsere gefahrene Linie darauf nicht. Es muss von aussen aber ziemich betrunken gewirkt haben... (wobei vor und während dem Kurs absolut kein Alkohol getrunken wurde).

Am Radar zu stehen, war die grosse Herausforderung. Das Radar interpretieren und die Ruderkommandos für normale Fahrt geben ist auf den ersten Blick nicht schwierig. Allerdings muss man für die Radarfahrt das Revier kennen, um auf dem Schirm abzulesen, wo man sich überhaupt befindet. Die Position ist wichtig und muss auch bei jedem Funksprich durchgegeben werden. Dann kommen ständig Funksprüche herein, die am Anfang genauso unverständlich sind wie der Flugfunk. Die allermeisten Funkdurchsagen betrafen uns gar nicht; umso schwieriger war es, die wesentlichen herauszuhören. Da wir ja am Lernen waren, mussten wir auch immer auf die Kursleiter hören, und zwischendurch verstanden wir vor lauter Mitteilungen überhaupt nichts mehr.

In der Radarfahrt ist man quasi blind und muss jedes Manöver über Funk und zusätzlich noch durch Fleuten (Schallsignale) ankündigen. Diese Signale haben wir einmal gelernt, aber nie gebraucht und können sie deshalb nicht auswendig. Es war zwar ein Blatt mit diesen Schallsignalen vorhanden, aber wir waren so mit Radar, Funk, Ruder, Geschwindigkeit und Position beschäftigt, dass wir dieses Blatt meist vergessen haben. So gaben wir also die unglaublichsten Tonkombinationen von uns. Zum Glück liessen sich die anderen Schiffe davon nicht beirren.

Ein Stolperstein im wahrsten Sinn des Wortes waren die drei Fusstasten im Steuerstand. Die linke brauchten wir nicht, die mittlere war zum Fleuten und die rechte die Sprechtaste für den Funk auf Kanal 10, mit der Schifffahrt. Es kam öfters vor, dass wir aus Versehen fleuteten, wenn wir eigentlich funken wollten. Auch sollten wir vor dem Fleuten unseren Wahrschauer an Deck warnen, damit der nicht vor Schreck über Bord springt. Natürlich vergassen wir das immer wieder. Es blieben trotzdem alle an Bord.

Am zweiten Abend waren wir alle ziemlich müde. Wir hatten wieder viel Neues gelernt und es war doch sehr anstrengend, aber auch sehr interessant.

Auch am dritten Tag starteten wir ebenfalls direkt auf dem Feuerlöschboot. Zusätzlich zur Radarfahrt mit Funk und allem, was dazugehört, sollten wir nun noch die Notfallszenarien Radar-, Ruder- und Maschinenausfall durchspielen. Ich hätte nicht erwartet, dass wir das auch noch schaffen. Wir hatten immer noch unsere liebe Mühe mit Radar, Ruder, Funk und Fleuten. Die Revierzentrale Basel warnte die Schiffahrt über Funk, dass Radarfahrten stattfinden. Damit waren wir auf den Ernst der Sache eingestimmt. Unsere Kursleiter erläuterten die Vorgehensweise bei den Szenarien vorab, deshalb wussten wir eigentlich, was zu tun ist. Aber zwischen Wissen und Können besteht ein riesiger Unterschied.

Auf der normalen Fahrt wurde also plötzlich der Radarschirm dunkel - wir waren blind. Nun musste ein Wahrschauer hinaus und durchgeben, was er sah. Da er allerdings nicht weiter als 30 Meter sehen durfte, kam erstmal nur die Info, wie das Boot in Bezug auf die Flussrichtung steht. Auf der Talfahrt mussten wir jeweils zuerst aufdrehen und dann möglichst aus dem Fahrwasser, um den Anker zu setzen und so das Schiff zu sichern. Gleichzeitig musste aber die Schifffahrt informiert und gefleutet werden. In der Theorie tönt das sehr einfach - und ist es auch - aber "live" in der Situation kamen wir ziemlich an unsere Grenzen. Auch der Ruderausfall und der Maschinenausfall wurden simuliert, und wir durften sogar einmal vor Anker gehen. Mich hat es sehr beeindruckt, wie schnell dieser Anker hielt und auch, wie problemlos er wieder heraufkam. Allerdings hat das Boot eine gute Ankerwinde und natürlich genau den Anker, der für das Revier am geeignetsten ist. Und nicht zuletzt wurde er vom erfahrenen Berufsschiffer bedient.

Der Ausfall des Wendezeigers ist gleichzusetzen mit dem Ruderausfall. Mit dem Radarbild hat man aber immer noch eine - wenn auch verzögerte - Information, wie sich das Schiff bewegt. Auch das Anlegen unter Radar haben wir geübt.

An diesem Tag gab es noch eine kleine Theorieprüfung, die wir alle bestanden haben. Und so durften wir alle ein Kursdiplom entgegennehmen. Wir sind nun keine Berufsschiffer, aber wir wissen in etwa, wie man ein Radargerät bedient und sein Bild interpretiert, und haben wesentlich mehr praktische Funkerfahrung. Auch das Verhalten in der Grossschiffahrt ist kein Buch mit sieben Siegeln mehr, fordert aber hundertprozentige Aufmerksamkeit.

Wir wurden von unseren Kursleitern genauso freundlich verabschiedet wie empfangen und gingen voll neuer Eindrücke, Erfahrungen und Wissen von Bord.

Den Kursleitern Daniel Kofmel und Lukas Sibler möchten wir an dieser Stelle kein Kränzchen, sondern einen riesengrossen Kranz winden. Als erfahrene Berufsschiffer haben sie das Schiff und den Verkehr voll im Griff und strahlen eine grosse Souveränität aus. Sie liessen uns viele Fehler machen, erklärten alles so oft wie nötig und verloren nie die Geduld. Erst im letzten Moment griffen sie selber in die Steuerung ein und blieben auch dabei noch gelassen. Sie haben jeden einzelnen von uns an seine persönliche Belastungsgrenze geführt, sodass wir nicht nur das technische Radar erlernt, sondern auch die emotionalen Stresssituationen erfahren und sehr viel davon profitiert haben. Wir haben uns an Bord sehr wohl gefühlt, auch weil die allgemeine Stimmung gut und das Vertrauen in unsere Kursleiter sehr gross war.

Auch der Revierzentrale Basel und den "betroffenen" Berufsschiffern bin ich dankbar, dass sie uns ernst genommen haben, aber nicht ärgerlich wurden und uns freundlich und deutlich geantwortet haben.

Vielleicht werden wir nächstens Jahr den Radarkurs nochmals besuchen. Zum Wiederholen und Auffrischen, aber auch weil es soviel Spass macht und allgemein viel bringt, wenn man auf Binnengewässern - oder auch auf See - unterwegs ist.

Ich kann diesen Kurs jedem empfehlen, der Boote führt, an Radarfahren interessiert ist und auf Notsituationen besser vorbereitet sein will: http://www.rettung-bs.ch/radar.html.
 

Datum   Ort Fahrzeit Kilometer Schleusen
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