Warum der SBF See?
Nachdem wir unsere nächste "Kreuzfahrt" auf einer Kormoran von Kuhnle-Tours gebucht hatten, entdeckten wir im Katalog dieses Vermieters, dass er auch Ausbildungen anbietet. Den Binnen- Führerschein haben wir schon, und in der Schweiz gibt es sonst nur die Hochsee-Variante, die wir wirklich nicht machen wollen, weil dafür neben der komplizierten Astro-Navigation auch noch 500 Seemeilen (unter Motor) nachgewiesen werden müssen. Aber in Deutschland gibt es den "Sportbootführerschein See", der das Fahren auf den Küstengewässern erlaubt. Ausserhalb dieser Gewässer ist eh "Niemandsland" und deshalb kann dort keiner mehr einen Ausweis verlangen ;-) Für unser Fernziel, vielleicht mal aus der einen Flussmündung übers Meer zum nächsten Binnengewässer zu kommen - im besten Fall auf eigenem Kiel - wäre dieser Schein die Mindestanforderung. Und da sich das Ganze laut Katalog in sechs Tagen abspielt und nicht so teuer ist, haben wir die Gelegenheit ergriffen und die Schulung gebucht.
Das Hafendorf Müritz
Die Ausbildung findet im Hafendorf Müritz, zwischen Berlin und Rostock gelegen, statt, wo sich auch eine Charterbasis und die Kuhnle-Werft befinden. Da das von der Schweiz aus 1'000 Kilometer sind, haben wir an der Autobahn übernachtet. Der Rastpark Fränkische Schweiz bei Pegnitz bietet angenehme Hotelzimmer und einen 24-Stunden-Betrieb, wir waren damit sehr zufrieden. Das Hafendorf selbst war noch ziemlich unbelebt, aber für Ende März nach einem sehr kalten Winter dürfte das normal sein. Ausserdem waren die Müritz (der See) und auch der Claassee (ein kleiner "Nebensee" wo der Hafen geschützt liegt) noch zugefroren. Wir hatten eine Ferienwohnung gemietet, da wohl nicht unser ganzes Lernmaterial auf einem Boot Platz gehabt hätte, und wir auch nicht unbedingt mit Fremden zusammen auf einem Boot wohnen wollten, auch wegen Rauchen und so ;-)
Die Ferienwohnung war in Ordnung, alles relativ neu und mit genug Platz. Allerdings waren die Betten irgendwie ungeeignet. Schlafsofas sind normalerweise kein Problem für uns, wir können auch zuhause auf dem Sofa schlafen, und auch in Bootskojen hatten wir noch nie ein Problem. Aber in dieser Wohnung wachten wir immer kaputter auf, als wir eingeschlafen waren. Warum, wissen wir auch nicht; die Betten waren weder zu weich noch zu hart noch unbequem, aber erholsamer Schlaf war einfach nicht möglich. Die Übernachtung im Autobahnhotel auf der Heimfahrt war dagegen ein echtes Highlight - das erste Mal wieder richtig ausgeschlafen!
Im gleichen Gebäude wie die Ferienwohnungen befindet sich auch das "Captain's Inn", Restaurant und Treffpunkt für geschlauchte SBF-Schüler. Das ist wirklich sehr empfehlenswert; das Essen war immer sehr gut, sogar für uns Vegis gar es immer etwas Besonderes und nicht nur gedünstetes Gemüse wie in manchen Sternerestaurants. Auch die Bedienung ist immer freundlich, und für uns Schüler gab es Spezialpreise für Frühstück, Mittag- und Abendessen. Das war super, vor allem weil neben der ganzen Ausbildung einfach keine Zeit bleibt zum Einkaufen, Kochen oder Abwaschen.
Wir waren zwei Tage früher angereist, einerseits wegen der langen Reise und um die Arbeit aus dem Kopf zu kriegen, und andererseits um die Gegend noch zu erkunden und vielleicht sogar einen halben Tag auf einem gemieteten Boot herumzukurven. Das hat sich durch das Eis dann erledigt, aber dafür haben wir das nahegelegene Städtchen Rechlin erkundet.
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Die Ausbildung
Für die Ausbildung hat Kuhnle Tours Hans-Jörg Maug engagiert, der ansonsten auch Segelkurse und -Törns auf See anbietet. Wegen der vielen Teilnehmer - wir waren über 30 Personen - wurden auch noch seine Frau Liane und seine Tochter Susanne sowie Benno als Ausbilder herangezogen. Die Schüler wurden dann in zwei Gruppen aufgeteilt, die jeweils am Vormittag Praxis und am Nachmittag Theorie (resp. umgekehrt) lernten. Für die Praxis stellte Kuhnle drei Boote bereit, womit auf jedem Boot ca. fünf Leute lernten, sodass auch alle genügend üben konnten. Üblicherweise werden für die Schulungen Vetus-Boote verwendet, die etwas leichter zu manövrieren sind als die schwerfälligeren Kormorane. Aufgrund der Eisdecke waren aber diesmal die Kormorane besser geeignet, da sie aus Stahl bestehen. Die Ausbilder haben in den ersten zwei (nur Theorie-) Tagen mit den Kormoranen sogar Eis gebrochen, damit wir nachher Platz zum Üben haben. Sowas wäre mit GFK-Booten eher nicht empfehlenswert ;-)
Die Theorie wurde von Hans-Jörg Maug vermittelt, der dieses eher trockene Wissen sehr unterhaltsam und auch praxisbezogen herübergebracht hat. Wir hatten jeweils morgens praktischen Unterricht und deshalb die Befürchtung, dass uns nach einem windigen Morgen auf dem Boot und einem üppigen Mittagessen dann im Theorielokal der Schlaf übermannen könnte. Aber überhaupt nicht! Bei Hans-Jörgs Unterricht wird niemand müde, wir haben viel gelacht und hatten am Ende auch den Bezug zwischen den theoretischen Vorschriften und der praktischen Anwendung kapiert.
Die praktischen Kenntnisse, sprich den Umgang mit der Kormoran 1140 "Mimi", hat uns Susanne Maug beigebracht. Da wir schon über 1'000 Kilometer auf solchen Hausbooten gefahren sind, waren die trägen Reaktionen und die Windanfälligkeit für uns nicht neu. Susi konnte uns aber dennoch das Gefühl für diesen "Stahlkoloss" sehr gut vermitteln und hat uns auch viel Neues über das Fahren auf der See beigebracht, und auch heftige "Stegrempler" konnten sie nicht aus der Ruhe bringen. Sogar die Knoten und das Peilen haben wir jetzt wirklich verstanden, und meine mentale Blockade beim Mann-über-Bord-an-der-Prüfung-Manöver bin ich los ;-)
Die Vorab-Informationen zu dieser Schulung von Kuhnle waren nicht wirklich vorhanden; niemand wusste was er braucht, mitnehmen muss, oder noch erhält. Drei Tage vor Abfahrt bekamen wir per Post noch ein Buch von Kuhnle, sonst keinerlei Informationen. Die meisten unserer "Mitschüler" absolvierten den Kombi-Lehrgang, das heisst Binnen und See in einem, und dafür war die Zeit wirklich zu kurz. Wir machten nur den SBF See, hatten uns aber vorher im Internet Informationen zusammengesucht, Lernmaterial gekauft und durchgeackert, und mir hätte dafür diese eine Woche nicht gereicht.
Es ist der Familie Maug sowie Benno und ihrer wirklich hervorragenden Ausbildung zu verdanken, dass der Grossteil der Teilnehmer trotz der knappen Zeit die Prüfung bestanden hat. An dieser Stelle deshalb ein grosses Lob unseren Ausbildern, die uns mit ihrem grossen Erfahrungsschatz sehr anschaulich und unterhaltsam vermittelt haben, was Seemannschaft bedeutet. Wir sind ja nun "eingefleischte" Hausbootfahrer, aber wenn wir jemals segeln lernen möchten, würden wir das bei den Maugs tun. Und auch ein Skippertraining oder einen "See-Erfahrungs-Törn" machen wir gern einmal bei ihnen, wenn wir gerade in der Nähe sind ;-)
Infos unter Kuddl-Yacht Sportbootschule GmbH
Die Prüfung
In Deutschland werden die Prüfungen durch den Motoryacht-Verband abgenommen, was einen deutlichen Unterschied zur schweizerischen Binnenprüfung darstellt. Da das Ganze am Ausbildungsort und in Gruppen stattfindet, ist die Stimmung auch wesentlich entspannter und die praktische Prüfung kürzer als in der Schweiz. Nach dem Mittagessen fanden sich Prüfer und Prüflinge im Theorielokal ein, die eine Hälfte durfte dann gleich zum Boot für die Praxis, die anderen fingen mit der Theorie an. Auf dem Boot wurde auch wieder in Gruppen eingeteilt, damit nicht so ein Gedränge auf der Flybridge herrscht. Der Prüfer wollte zuerst einige Knoten sehen, danach durfte jeder Prüfling vorführen, wie gut er das An- und Ablegen, Kurshalten, Wenden und das Mann-über-Bord-Manöver beherrscht. Neben einigen Nervositäts-Missgeschicken ging es eigentlich bei allen relativ gut, nur das Warten unten im Salon war ein Stress für die, welche zuletzt dran waren ;-) Anschliessend konnten wir zur theoretischen Prüfung übergehen und mussten einen Fragebogen mit 30 Fragen sowie eine Navigationsaufgabe bearbeiten. Da wir dies schon vorher geübt hatten, war ausser bei den "Auswendig-Fragen" kein grosses Problem. Der Prüfer brauchte dann auch kaum eine Minute, bis er uns bestätigte dass wir bestanden hatten. Das war dann wirklich eine grosse Erleichterung! Wir hatten zwar kein schlechtes Gefühl vor der Prüfung, aber eine gewisse Nervosität ist trotzdem immer da. Jedenfalls sind wir froh dass wirs geschafft haben, und weil die Navigation so interessant ist, müssen wir überlegen ob wir nicht den Sportküstenschifferschein auch bald machen wollen ;-)
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